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POLOLO im Interview mit Heike Hess, der Leiterin der Geschäftsstelle des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft e.V.

Der Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V. (IVN) engagiert sich für Nachhaltigkeit, Respekt und Verantwortung gegenüber der Umwelt. Auf allen Stufen der Produktion und des Vertriebs soll diese Einstellung umgesetzt und möglichst vielen Menschen nahegebracht werden. POLOLO führte ein Interview mit Heike Hess, der Leiterin der Geschäftsstelle in Berlin:

Erzählen Sie uns doch kurz was Ihr Verband, der IVN, für Ziele und Aufgaben verfolgt?

Hess: Das Hauptziel des Verbandes ist es, die Umwelt- und Sozialbedingungen in der Textil- und Lederindustrie gravierend zu verbessern. Wir möchten Verbraucher darauf aufmerksam machen, wie die Umstände bei der Produktion – vor allem in Niedriglohn-Ländern – sind, und sie davon überzeugen, beim Kauf von Kleidern und Schuhen auf Nachhaltigkeit zu achten. Als Berufsverband ist unser Ziel natürlich auch, unsere Mitglieder bestmöglich zu unterstützen – durch Beratung, Netzwerke, Pressearbeit, politische Lobbyarbeit oder die Bereitstellung unserer Qualitätszeichen.

Können Sie uns auch kurz und knapp etwas zu den Biosiegeln sagen, die Sie vertreten, für Textilien und Leder?

Die beiden Qualitätszeichen heißen NATURTEXTIL BEST und NATURLEDER. Sie garantieren, dass die zertifizierten Produkte aus natürlichen und nachhaltigen Rohstoffen bestehen, die ohne gesundheits- und umweltbelastende Chemikalien hergestellt wurden. Die Produktionsprozesse unterliegen strengen Auflagen zu Ressourcen- und Gewässerschutz sowie Müllentsorgung. Alle zertifizierten Unternehmen müssen ihre Arbeiter nachweislich gerecht bezahlen, für eine ausreichende Arbeitssicherheit sorgen und die Einhaltung der Menschenrechte sicherstellen. Zertifizierte Produkte sind schadstofffrei und erfüllen einen hohen Qualitätsanspruch. Das Besondere an unseren Zertifizierungen ist, dass wirklich jeder einzelne Betrieb überprüft wird, der an der Herstellung eines Produkts beteiligt ist: Vom Bauern, der Schafe züchtet, über die Gerberei, Zurichter, Schuh-Hersteller bis hin zum Handel.

Warum sollte man als Endverbraucher, gerade auch als Eltern, überhaupt Produkte aus Naturleder oder pflanzlich gegerbtem Leder kaufen? Welche Gesundheitsaspekte sind wichtig, gerade auch bei Babys und Kindern?

Zum einen kann man sich sicher sein, mit dem Kauf von Naturleder oder auch schon mit pflanzlich gegerbtem Leder etwas für die Umwelt getan zu haben. Viel wichtiger ist sicher aber noch, dass pflanzlich gegerbte oder sogar zertifizierte Lederprodukte keine Schadstoffe enthalten, die krank machen. Hier sind Schwermetalle, vor allem Chrom besonders bedenklich, aber auch viele andere Substanzen, wie Formaldehyd, aromatische Amine, Chlorphenole, Schwermetalle – das Chemikalienlatein lässt sich noch länger fortsetzen. Diese Stoffe können krebserregend, allergen, hormonschädigend und vieles mehr sein – und sie können sich im menschlichen Organismus festsetzen. Das ist für Kinder besonders gefährlich, denn ihre Empfindlichkeit ist höher als bei Erwachsenen. Kinder toben und schwitzen viel, ihre Haut reibt durch die viele Bewegung an Kleiden und Schuhen. Schweiß und Reibung lösen Schadstoffe aus Schuhen besonders gut heraus und gelangen so auf die Haut und in den Körper. Babys nehmen auch gerne mal ihre Schühchen in den Mund.

Woran erkenne ich als Verbraucher gute und seriöse Hersteller von guten Kinderschuhen?

Am allereinfachsten schaut man nach Siegeln, die Nachhaltigkeit, Gesundheitsverträglichkeit und Qualität garantieren. Das NATURLEDER-Siegel habe ich je schon erwähnt. Aber man kann auch nach dem ÖkoTex- oder ECARF-Siegel schauen, die garantieren wenigstens die Gesundheitsverträglichkeit. Ein zusätzliches Indiz für die Seriosität von Herstellern wäre für mich jetzt auch die Mitgliedschaft im IVN, da wir unsere Mitglieder sorgfältig auswählen.

Haben Naturleder andere Eigenschaften als herkömmlich hergestellte Leder?

Die Gebrauchseigenschaften des Leders bleiben bei einer Verarbeitung nach den NATURLEDER-Richtlinien vollständig erhalten, was bei herkömmlichem Leder oft nicht der Fall ist. Vor allem durch Beschichtungen mit synthetischen Mitteln wird das eigentlich atmungsaktive Leder regelrecht „zugekleistert“. Naturleder können aber auch leichter abfärben, da diese Beschichtungen auch dafür sorgen, dass die Farbe aus Lederschuhen nicht austreten kann.

Sie haben sich gerade auch die Förderung von kleinen und mittelständischen Betrieben auf die Fahnen geschrieben. Warum ist das so wichtig? Sind Hersteller von Naturtextilien und Naturleder hauptsächlich Familienunternehmen?

In der Tat sind es hauptsächlich kleine und mittelständische Pionier-Unternehmen, die sich mit unseren beiden Qualitätszeichen zertifizieren lassen. Die ideelle Motivation unserer Mitglieder ist ein wichtiger Motor für unsere Arbeit – und die findet man eher in kleineren Betrieben. Die großen Unternehmen haben bessere Möglichkeiten, durch eine stärkere Marktmacht höhere Budgets und personelle Power Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen. Kleinere Unternehmen gleichen diese Vorteile aus, indem sie sich zusammenschließen, wie bei uns im Verband.

Der IVN ist Mitinhaber des „Global Organic Textile Standard“. Welche Bedeutung hat dieses Siegel in Deutschland, welche vergleichbaren nationalen Siegel gibt es?

Der GOTS ist in Deutschland inzwischen beim Verbraucher recht bekannt. Das liegt sicher daran, dass Verbraucher immer mehr nach zertifizierten Produkten fragen und auch große Discounter immer mal wieder GOTS-Ware anbieten. Vom Anspruchsniveau liegt der Standard zwar etwas unter dem der IVN-Siegel, ist aber dennoch ein vertrauenswürdiger und ganzheitlicher Standard.

Ist eigentlich überall, wo „Bio“ und „Öko“ draufsteht, auch Bio drin? Warum ist Aufklärung durch einen Verband notwendig für den Verbraucher?

In Deutschland ist dann „Bio“ in einem Produkt, wenn die Rohstoffe kontrolliert ökologisch erzeugt wurden; das schreibt die EU-Ökoverordnung vor. Das „Bio“ bezieht sich bei Kleidung aber nur auf die Rohfaser, also auf Baumwolle, Wolle, Seide, Leinen und Co. Wie diese Fasern dann verarbeitet wurden, also wie gegerbt, gefärbt oder ausgerüstet wird, ist vom Gesetzgeber nicht geregelt. Eine Aussage über Sozialstandards oder Schadstoff-Freiheit trifft die Bezeichnung „Bio“ also nicht. Wirklich „saubere“ Produkte kauft man also nur, wenn man auf weiterführende Siegel wie GOTS, NATURTEXTIL oder NATURLEDER achtet.

Was unterscheidet Firmen, die IVN-zertifiziert, sind von anderen?

Der Unterschied liegt hauptsächlich in den Produkten, die diese Firmen anbieten, weil sie im gesamten Produktionsprozess von unabhängigen Zertifizierern überprüft werden. Es genügt also nicht die Selbstaussage von Firmen oder deren Lieferanten, dass sie nachhaltig arbeiten. Die Produkte sind sozusagen nachhaltig mit „Brief und Siegel“. Zertifizierte Firmen übernehmen so Verantwortung für die Ware, die sie anbieten und zwar nicht nur hier am Markt, sondern auch für alle Betriebe, in denen ihre Produkte hergestellt werden. Zertifizierten Unternehmen ist es wichtig, dass durch Ihr Business weder die Umwelt belastet wird, noch die Menschen, die Kleidung und Schuhe tatsächlich herstellen, ausgebeutet werden.

Weitere Informationen:

IVN
Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.