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Interview mit Dr. Wieland Kinz über Kinderfüße und -schuhe

Für POLOLO führte Nina Massek ein Interview mit Dr. Wieland Kinz vom Forschungsteam Kinderfüße-Kinderschuhe:

Welche gesundheitlichen Schäden können durch zu kurze Schuhe bei Kinderfüßen verursacht werden?

Dr. Kinz: Wir haben das zusammen mit der Universität Wien im Jahr 2009 zum ersten Mal nachgewiesen, denn vorher gab es nur Vermutungen: Zu kurze Schuhe führen zu einem veränderten „Großzehenwinkel“. Das bedeutet insbesondere bei den Drei- bis Sechsjährigen, dass durch zu kurze Schuhe das Skelett verändert wird. Bei Frauen, die schon oftmals als Kinder zu enge und zu kleine, also mädchenhafte Schuhe tragen, gibt es dann oft später den sog. „Hallux Valgus“ (krankhaft hervorstehendes Großzehengrundgelenk), was dann operativ behoben werden muss. Übrigens verzeichnen wir geradezu explodierende Operationszahlen. Das ist wirklich alarmierend!
Wenn der große Zeh so verändert wird, übt sich das höchstwahrscheinlich auch auf den gesamten Bewegungsapparat aus.
Unsere Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass der Anteil von Mädchen und Buben, die zu kurze Schuhe tragen im Alter von ein bis zehn Jahren ungefähr gleich ist, danach werden Mädchen aber doppelt benachteiligt, weil sie dann zu schmale Schuhe tragen.

Warum können auch ältere Kinder uns oft nicht sagen, wenn der Schuh drückt, sprich zu klein geworden ist oder nicht mehr passt?

Kinder können bis zum zehnten Lebensjahr nicht sagen, ob ein Schuh passt oder nicht, sogar wenn ein Schuh drei Größen zu klein ist. Das liegt an der Gewöhnung. Das Kind bzw. sein Fuß gewöhnt sich ganz schnell an den nicht passenden Schuh, das gilt übrigens auch für 70 Prozent der Erwachsenen.

Wie schnell wachsen eigentlich Kinderfüße? Wie oft sollte man die Passform der Kinderschuhe überprüfen?

Das kann man einfach sagen: Im ersten bis zum dritten Lebensjahr wächst der Fuß durchschnittlich 1,5 Millimeter pro Monat, im dritten bis zum sechsten Lebensjahr einen Millimeter und zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr dann nur noch 0,8 Millimeter. Eltern sollten demnach die Passform der Schuhe ihrer Kinder alle drei bis vier Monate überprüfen. Das bedeutet auch, dass man beim Schuhkauf die Größe vorkalkulieren kann. Bei Angeboten für Winterschuhe im Spätsommer macht das also Sinn!

Wie kann man die Passform der Schuhe am sichersten überprüfen?

Die gute alte Daumenregel bei neuen Schuhen macht immer noch Sinn, das sind 17 Millimeter Spielraum. Zur Info: Die durchschnittliche Breite eines Erwachsenen-Daumens (Spitze) beträgt 17 Millimeter.
Ein Tipp von uns: Man kann das Kind ganz einfach auf einen Karton stellen und eine Schablone des Fußes ausschneiden und 12 bis 17 Millimeter dazugeben. Dann schneidet man einen zwei Finger breiten Streifen aus und legt ihn in den Schuh. Wenn sich der Streifen aufbiegt, ist der Schuh zu kurz. Wir haben dazu übrigens ein praktisches Messgerät entwickelt, das „plus12“.

Was sollen sogenannte Lauflernschuhe leisten?

Mit diesem Begriff habe ich ein Problem, man braucht keine Schuhe zum Laufenlernen. Sonst könnten ja Naturvölker nicht laufen – und das können sie ja sehr gut!

Warum ist Barfußlaufen so wichtig? Und warum sollte man sich Zeit nehmen, bis man die ersten Schuhe kauft?

Barfuß zu laufen ist sehr wichtig. Wir müssen bedenken, dass feste oder Straßenschuhe bis zu 30 Prozent der Gelenkbeweglichkeit einschränken. Wenn ich ein Kind also zu früh in feste Schuhe stecke, trainiere ich seinen Fuß nicht ausreichend und die Muskulatur ist eingeschränkt.

In Kindergärten werden oft ausschließlich Hausschuhe getragen, was halten Sie davon?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass Hausschuhe meistens viel zu kurz und klimatisch eine Katastrophe sind: Aufgrund der Kunststoffsohlen und ungeeigneter Obermaterialien stehen die Kinder am späten Vormittag buchstäblich im Wasser.
Im Kindergarten sollten die Kinder möglichst wenig an den Füßen haben, also barfuß, Stoppersocken oder ganz dünne, weiche und flexible Hausschuhe. An Materialien empfehlen wir moderne Funktionsfasern – die sind atmungsaktiv und trocknen rasch – und Naturmaterialien, wie pflanzlich gegerbtes und unbeschichtetes Leder, dünne Wolle oder Filz.

Was halten Sie davon, gebrauchte Schuhe zu kaufen?

Wir sagen den Müttern gerne: „Kauft gebrauchte Schuhe und habt kein schlechtes Gewissen!“ Das ist nämlich aus ökologischer und ökonomischer Sicht sehr sinnvoll.
Trotzdem sollte man beachten, dass der Fuß mindestens zwölf Millimeter Spielraum im Schuh hat und die Sohlen nicht einseitig abgelaufen sind.

Was ist dran am Mythos Fußbett? Brauchen Kinder Schuhe bzw. Hausschuhe mit Fußbett?

Das ist ein ähnlich doofes Konzept wie Lauflernschuhe und hauptsächlich ein Marketing-Gag. Füße müssen sich nicht ins Bett legen, sondern dürfen und sollen beansprucht werden. Abwechslung beim Schuhwerk ist viel wichtiger. Jeder Fuß ist unterschiedlich, schon allein deswegen machen vorgefertigte Fußbetten keinen Sinn.

Aus welchen Materialen sollten Kinderschuhe sein?

Möglichst aus atmungsaktiven und schnell trocknenden Materialien. Kein Wanderer kauft sich heute noch Trekking-Schuhe aus Leder. Wer aber auf Lederschuhe Wert legt, der sollte auf natürlich gegerbtes und unbeschichtetes Leder achten. „Leder“ mit einer dicken Polyurethan-Beschichtung hat diesen Namen nicht verdient.

Was ist zum Wärmen in der kalten Jahreszeit am besten? Warme Wollsocken? Baumwollsocken? Einlagen? Lammfell- oder Wollfutter?

Für uns als Erwachsene, die wir oft sehr statisch in einer Haltung verharren, ist das oft unverständlich, aber Kinder sind viel mehr in Bewegung und haben deswegen kaum kalte Füße.